20
Mai
2018

Wenn Angst uns den Atem raubt

Man zitierte mich nach ganz oben. Als ich das Büro von Professor Markus Wolff betrat, war mir klar, dass ab sofort ein anderer Wind wehen würde. Er teilte mir mit, dass aus der Abteilung Quantenphysik, Geheimunterlagen geklaut wurden. Wolff nahm mich in die Mangel, warf mir Oberflächlichkeit bei der Durchsuchung von Fahrzeugen und Personen vor. Achselzuckend nahm ich die Standpauke hin. Nur ein Mal traute ich mir zu sagen, dass ich nicht jeden Mitarbeiter, der das Institutgelände verlässt, kennen kann. Plötzlich stand ein Mann wie aus dem Nichts im Raum. Er erklärte mir, dass es meine Gottverdammte Pflicht sei, jeden einzelnen Mitarbeiter bis ins kleinste Detail zu studieren. Prägnantes Wiedererkennungsmerkmal, sei das menschliche Ohr. Der Mann zeigte auf Professor Markus Wolffs Ohren, wackelte danach an seinen, nickte und sah mich ausdruckslos an. Vor lauter Angst, fiel mein Oberkörper in eine Art Pendelbewegung und ich dachte, noch so ein grausamer Anschnauzer und ich fliege mit der Stirn auf das Parkett. Beinah hätte ich mich übergeben. Mehrmals kniff ich die Augen zusammen und überlegte, ob die Phantasielose jetzt in die Realität flüchtet oder die Realitätslose in der Welt der Phantasie angekommen war. Der Mann reichte mir ein Glas Wasser und Professor Markus Wolff drückte mich in einen arschglatten Ledersessel, aus dem ich beinah, wieder rausgerutscht wäre. Wolff erklärte mir, dass ich diesen nichtwiedergutzumachenden Verstoß, die Vernachlässigung meiner Pflicht, bei dieser Bemerkung hielt man mir Fotos von mir als schlafende Pförtnerin unter die Nase, nur unter einer Bedingung wieder gut machen könnte, nämlich, wenn ich als paarungswillige Großstädterin Dr. Michael Bouche in berauschenden Liebesnächten Informationen entlocke. Im ersten Augenblick fiel mir nichts besseres ein, als zu sagen, dass Alexander der Große nicht der einzige Mann war, der sich nicht für Frauen interessierte, worauf der Mann mit den Knickohren sagte, dass mir schon etwas einfallen würde. Ich war so gut wie am Ende meiner Kräfte. Jedoch wollte ich meinen kristallklaren Geist nicht diesen blitzenden Irrsinn ausliefern. Ich dachte, das Böse kommt sehr plötzlich und wenn es da ist, hat es eine ungeheure Kraft. Wenn schon keine Poetin aus mir würde, wollte ich als schlaue und rätselhafte Geheimagentin in die Geschichte eingehen. Mein Auftrag und die von mir eingeforderten Mittel wurden als Vertrauenssache höchster Geheimhaltung deklariert und ich wurde mit einem festen Händedruck und einem „wir zählen auf Sie“, aus dem Büro entlassen.

13
Mai
2018

Wahrheit oder Fiktion

Obwohl das Brot trocken und die Brühe versalzen war, lobte man Frau Wili und Herr Zeilenende in höchst kriecherischen Tönen. Ich hatte keine Lust, mich an der hitzigen Diskussion der Blogger-Wandergruppe, ob eine Übernachtung in der Hütte angebracht wäre, zu beteiligen und setzte mich draußen, auf eine Bank. Mir war kalt. Die Wolkendecke wartete darauf, Regentropfen loszuwerden. Es war wieder jener Augenblick an dem mir klar wurde, dass ich nicht ganz aufrichtig bin. Oberflächlich. Doppelzüngig. Feige. "Was sie in ihrem Blog schreiben, ist doch eh nur alles ausgedacht und gelogen.---Unterstellungen. Beleidigungen", schmetterte mir Mitzi an den Kopf. Manfreds zustimmendes Nicken, war wie eine Backpfeife. Wieder war ich an dem Punkt angelangt, wo sich alle gegen mich verschworen. "Mir geht ihre streitsüchtige und herausfordernde Art schon lange auf den Geist", meckerte Jules. Ich schnaubte ins Taschentuch. "Wenn sie nicht bald aufhören zu bloggen, Frau ohneeinander, dann werde ich dafür sorgen------", den Rest vom Satz verschluckte die Hüttentür, die ich hinter mir zuzog. Kurzzeitig entwarf ich eine blinde Wut gegen Mitzi und den Rest der Blogger. Wie eine Erstickende rang ich kurz um Luft und ermahnte mich zur Ruhe. Keinesfalls dürfte ich mich gehen lassen. Schon ein Mal hatte ich ein Blogger Team, gegen mich aufgebracht. Martin, Phileas, Tom und Billy. Auch diesmal würde ich aus der Verzweiflung, über mich hinauswachsen und eine neue Geschichte erfinden und lügen, wie Hunde bellen. Ich stand auf, zog den Reißverschluss meiner Jacke nach oben und fing an zu laufen.

24
Feb
2018

299 792 458 m/s

Statt in den Apfel, biss ich in die Leberwurststulle. Meine Mittagspause verbrachte ich auf einer Bank am Spreeufer. Von den Dampfern, die den ganzen Tag flussauf und –abwärts fuhren, winkten mir freundliche Touristen zu. An machen Tagen fühlte ich mich von den Augen der Touristen belästigt und verkrümelte mich in den Park an der Paulstrasse. Ein Dampfer der Reederei Riedel hatte ein Wendemanöver eingeleitet und spuckte mir seine Abgase entgegen. Ich hustete und schmiss wütend meine Faust dem davonfahrenden Dampfer hinterher. Ich überlegte und seufzte, denn die Sehnsucht eine große Schriftstellerin zu werden, keimte erneut in mir auf. Mein Ausflug nach Österreich, der verzweifelte Beginn eines Physikstudiums, meine Tätigkeit als Pförtnerin und meine Beschäftigung im Berliner Reinigungsbetrieb, zeugten nicht gerade von der Verlässlichkeit und Kontinuität, die Leser bei einer Autorin wünschten. Ich erinnerte mich an die Worte meiner Mutter: "Deine Tochter zeigt einfach zuviel Mut zur Oberflächlichkeit", worauf mein Vater sagte: "Lass sie doch." Ich habe nie gewusst, was er für mich in diesem Augenblick empfand. Gleichgültigkeit oder Verständnis? Wer etwas wissen will, muss fragen, dachte ich. Aber noch hatte ich Zeit.
Die Geräusche einer Fahrradklingel störten meine Überlegungen. Ein Fahrradfahrer umkreiste die Bank. Er hatte den Kragen von seinem Mantel nach oben geschlagen und seine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er blieb vor mir stehen und sagte „Worauf wartest du?“ „Muss man immer auf etwas warten?“, sagte ich. Die vorbeifahrende S-Bahn verschluckte seine Sätze. Ich sah wie sich seine Lippen bewegten und die Ohrenklappen seiner Trappermütze wackelten. Wie bei einem Dackel, dachte ich. Erneut benutzte er die Klingel seines Fahrrads, drehte zwei drei Runden um die Bank, bremste und fragte „Kann ich dich irgendwo hinfahren?“ Ich überlegte kurz und sagte „Ja, warum eigentlich nicht. Cafe Buchwald und zwar in Lichtgeschwindigkeit, wenn du das schaffst.“ Ich schwang mich auf die Stange seines alten Fahrrads und er trat in die Pedalen.

31
Jan
2018

Im Rampenlicht

Unsere Wege kreuzten sich immer öfter. Entweder auf dem Institutgelände, in der Mensa oder so wie heute bei der Zwanziger Jahre Party. Zur Begrüßung gab sie mir die Hand. „Können Sie tanzen?“, fragte sie. Ich nickte. „Shimmy, Black Bottom, Foxtrott." Während wir tanzten, erzählte sie mir von dem zweiwöchigen Kurs für Sicherheitsbeamte. Den Kursteilnehmern wurde eingebläut, alle vorgefassten Ansichten über das mögliche Aussehen von Spionen und Agenten zu vergessen. "Jeder gilt als verdächtigt, bis seine Unschuld bewiesen war", erklärte sie. Wir keuchten und schwitzten und als ich sie um eine Tanzpause bat, schüttelte sie den Kopf und zog mich auf die Tanzfläche zurück. „Ich muss in jedem Augenblick bei meiner Arbeit als Pförtnerin wachsam sein. Man muss auf die unwahrscheinlichste Möglichkeit vorbereitet sein." Ich nickte zustimmend in ihre Richtung und lockerte den Krawattenknoten. „Ich habe ihre Tagebücher gelesen, Bouché. Die sind wirklich gut. Ich meine, sie schreiben gut und deshalb wird aus uns kein Traumpaar. Wissen Sie, wir können keine Beziehung miteinander führen, wenn wir beide im Rampenlicht stehen“, sagte sie. „Wieso wir beide?“, schrie ich und dachte, sie ist die pure Provokation für jeden Mann. Als wir eng umschlungen tanzten, stellte ich sie mir mit skeptischer Mine als rebellische Poetin vor.

28
Dez
2017

Dünenrose

Ist hier noch frei?“, fragte mich der Schnurrbartträger. „Ich dachte, ich hätte mir ein ungestörtes und stilles Plätzchen ausgesucht, aber meinetwegen, nehmen Sie doch Platz.“ Er setzte sich neben mich, nahm seinen Filzhut vom Kopf und legte ihn zwischen uns. Er sog die Berliner Luft tief ein, nahm ein Buch in die Hand und begab sich in eine-als-ob-Pose. Gespannt wartete ich, welche Merkwürdigkeit er sich als nächstes ausdachte. Mein Schnürsenkel hatte sich gelockert. Ich beugte mich nach unten und während ich ein Schleifchen band, warf ich ein Blick auf den Einband von seinem Buch. „Dünenrose“ las ich laut vor. „Stimmt was nicht?“, fragte er. „Dieses Buch wird ein Überraschungserfolg“, sagte ich. "Aha“, antwortet er und las weiter. Ich klappte mein Buch zu und lauschte dem Vogelgezwitscher. Mich beschäftigte mein Auftrag von ganz oben. Es lag auf der Hand, dass Bouche mich als Spionin enttarnen würde. Als gescheiterte Poetin, konnte ich mir diesen Flop nicht auch noch erlauben. Über diese ganze Grübelei bemerkte ich gar nicht, dass der Mann weg war. Nur der Filzhut lag noch auf der Bank, der augenblicklich von einem Lüftchen erfasst und hoch in die Luft gewirbelt wurde. Ich stieg ganz schnell auf die Bank, streckte die Arme in die Luft und schnappte mir den Hut.

25
Dez
2017

Wir sind auf Sendung

Billy: Wir beginnen mit einem Erfolgsbuch sondergleichen von Iwan Georgej, ein bedeutender russischer Schriftsteller der postmodernen Literatur.

Martin: Ja, "Mensch in Wald" heißt das Buch.

Tom: Das ist ein Buch zum durchlesen. So weit und groß wie die Sowjetunion.

Billy: Eine ideale Nachttischlektüre.

Phileas: Dann habe ich den falschen Nachttisch. Er kommt vom hundertste......

Martin: Mich hat das Buch gequält. Alkoholfaselei.

Phileas: Er versucht gewollt modern zu sein. Eine Mischung aus Fusel und Fasel. Gefasel, meine Herren. Soll der seinen Wodka alleine trinken. Ich bin vor dem Buch weggelaufen. Ich gebe zu, die letzten 150 Seiten retten das Buch.

Tom: Das Buch umfasst 220 Seiten, Phileas.

Martin: Ich habe immer geschaut, welche Seiten ich rausreißen kann.

Billy: Das spricht nicht gegen ihn.

Martin: Doch, das tut es.

Phileas: Einer der schreiben kann, hat für sowas keine Zeit. Thomas Mann hätte sich nie mit dem Thema beschäftigt.

Billy: Ich habe vier Kritiken über das Buch gelesen. Alle begeistert.

Tom: Ich glaube unseren Kritikern kein Wort mehr.

Phileas: Welchen Kritikern?

Billy laut: Ha, ha, ha, ha.

Martin: Billy, wir sind auf Sendung.

Phileas: Was sagt unsere heutiger Gast Frau Freni?

Tom: Ja, Frau Freni? Frau Freni?

Tom schüttelt vorsichtig an Frau Freni s Schulter.

Billy: Schade, eine gute Kritikerin. Freunde, lasst uns über das nächste Buch reden. 



24
Dez
2017

Agentin Bond Traum

"Ich mache Hackfleisch aus ihnen. Finden sie endlich raus, wer die Auftraggeber von Bouché sind. DAS KANN DOCH NICHT SO SCHWER SEIN", schrie mich der Leutnant an. Ich log, wie ein Vogel singt, wenn ich von Treffen mit Bouché erzählte, die nie stattgefunden hatten. Die strategische Planung, um Bouché des Geheimnisverrates zu überführen, nahm mich ziemlich in Anspruch. Kaum war ich mir einer Vorgehensweise sicher, wirkte sie auf mich planlos und konfus. War ich überhaupt den Anforderungen einer Agentin gewachsen? Träumte ich vergebens den Agentin James Bond Traum? "Ziehen sie meinetwegen den, wie heißt der gleich noch mal.....Szymanski mit ins Boot, der arbeitet auch für uns", gab mir der Leutnant mit auf den Weg, als wir uns im Café Central verabschiedeten. "Das ist doch nicht Ihr Ernst, Leutnant. Szymanski hängt jedem Mensch ein Verbrechen an und ausserdem tötet er Menschen, nur um sie sterben zu sehen. " DAS IST EINE ANWEISUNG", schrie der Leutnant.
Die Nacht darauf träumte ich, wie ich Bouché in einem Kampfflugzeug jagte. Ratatatatatat....die Flugkörper trafen Bouchés Flugzeug. Bummmmmm. Aber was war das? Mit einem Schleudersitz rettete sich Bouché. Meine Munition war verbraucht. Mit der Faust schlug ich wütend das Seitenfenstern von meinem Kampfflugzeug auf und schrie, als Bouché wie ein Vöglein an mir vorbei flog: VERRÄTER. Klatschnass erwachte ich aus diesem Horror Szenario.

23
Dez
2017

Im Dickicht und Tulpenfeld

Ich summte ein Liedchen, als ich mich durch dichtes, undurchdringliches Gestrüpp und Gebüsch am Spreeufer kämpfte. Mehrere Male blieb ich an Dornen und widerspenstigen Ästen hängen. Einmal stahl mir sogar ein herabhängender Ast die Mütze vom Kopf. Diese Tour war eine der gemeinsten Gebiete, wenn es darum ging, Bierbüchsen, Flaschen, Tüten und Werbeprospekte aus dem Dickicht zu angeln. Nächste Woche sollte ich eine Einweisung in eine neue Kehrmaschine erhalten. „Haste ´nen Führerschein“, fragte mich Manuel. „Ja“, log ich. „Das ist aber eine Gehwegmaschine und außerdem……“, Manuel winkte ab, schnappte seine Schutzausrüstung und verließ schlürfend die Halle. Inzwischen hatte ich mich aus dem Dschungel befreit, saß auf einer Bank und biss in mein Allwetterbrötchen. Neuerdings durften wir nur noch zehn Minuten Frühstückspause machen, was einen positiven Nebeneffekt brachte. Ich gewöhnte mir ab, Bandwurmsätze in mein Notizbuch zu schreiben. Heute wollte ich unbedingt auf einen Artikel, den ich gestern las, antworten. Die Überschrift des Kommentars sollte „Wenn Geschichten einander antworten“ lauten. Ich verstaute meine Brotbüchse im Rucksack, lief zurück ins Dickicht und sah einsam und alleine eine Tulpe am Gehwegrand blühen. Sofort erinnerte ich mich an das Pförtnerhäuschen, welches seit vier Tagen einem Tulpenfeld glich. Bouché überschüttete mich mit den Blumen. Meine Ablösung hatte alte Einweckgläser und Marmeladengläser von zu Hause mitgebracht und die Tulpen schön gleichmäßig im Raum verteilt. Immer wenn Bouché die Wache passierte, hielt ich lächelnd ein Tulpenmarmeladenglas hoch und dachte: Hoffentlich geht mir Dr. Michael Bouché nie verlustig.
logo

Fabulierlust

Sammelalbum skurriler Figuren

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Wenn Angst uns den Atem...
Man zitierte mich nach ganz oben. Als ich das Büro...
Freni - 20. Mai, 07:59
Wahrheit oder Fiktion
Obwohl das Brot trocken und die Brühe versalzen...
Freni - 13. Mai, 22:39
299 792 458 m/s
Statt in den Apfel, biss ich in die Leberwurststulle....
Freni - 24. Feb, 15:52
Im Rampenlicht
Unsere Wege kreuzten sich immer öfter. Entweder...
Freni - 31. Jan, 11:16
Dünenrose
Ist hier noch frei?“, fragte mich der Schnurrbartträger....
Freni - 28. Dez, 08:39

Links

Suche

 

Status

Online seit 3863 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Mai, 07:59

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren